TU-Mittelbaustudie 2012: Prekär, aber mit der Betreuung zufrieden

tu-studie2012Seit 2002 untersucht die TU Berlin auf Beschluss ihres Kuratoriums alle fünf Jahre die Arbeits- und Promotionsbedingungen ihrer befristet beschäftigten Wissenschaftlichen Mitarbeiter/-innen. Dabei bleibt ein Kernbereich von Fragen vergleichbarkeitshalber unverändert; ansonsten wird ein Schwerpunkt gesetzt. Kürzlich haben Dana-Kristin Mah, Sascha Kubath und Konrad Leitner nun den 144-seitigen „Bericht zur WM-Studie 2012“ mit dem Schwerpunkt „Work-Life-Balance“ vorgelegt.  Hier werden einige interessante Ergebnisse zusammengefasst:

Rücklauf

Die Rücklaufquote betrug ähnlich wie 2007 24% und unterscheidet sich stark nach Fakultäten: So sind die beiden drittmittelstarken Fakultäten mit 17% bzw. 19% unterrepräsentiert; die Rücklaufquote der Drittmittel-WiMis beträgt nur 15 % (Qualifikationsstellen: 35 %). Geantwortet haben 36% Frauen (TU-Gesamtanteil 28%) und 64% Männer (72%).

Dass die Rücklaufquote und die Überrepräsentation der Qualifikations-WiMis die Ergebnisse nicht in Richtung „Unzufriedenheit“ verzerrt haben, zeigt ein Extremgruppenvergleich: In der Stichprobe befinden sich zehnmal mehr global Zufriedene als global Unzufriedene.

Verträge, Überstunden, Weiterbildung

Während die TU innerhalb der letzten fünf Jahre ihre Drittmittel verdoppelt hat, haben sich die Konditionen für den Mittelbau verschlechtert: Qualifikations-WiMis hatten 2007 noch zu 76% Fünfjahresverträge, 2012 waren es nur noch 54%; bei den Drittmittel-WiMis ging die Laufzeit von im Mittel 26 Monaten (2007) auf 21 Monate (2012) zurück. 71% der Befragten haben eine Vollzeit-, 8% eine 2/3- und 16% eine halbe Stelle; 5% haben eine individuelle Arbeitszeitregelung. Volle Stellen sind hauptsächlich besetzt mit Qualifikations-WiMis (78%), Drittmittel-WM nur 63% (S. 12).

Vollzeit-WiMis leisten wöchentlich im Durchschnitt 4 Überstunden, WiMis auf Zweidrittelstellen 13,7 und auf halben Stellen 15,6 Überstunden. (S. 32)
Was die gesetzliche Weiterbildungsregelung nach § 110 Abs. 4 BerlHG angeht (danach steht Qualifikations-WiMis grundsätzlich mind. ein Drittel der Arbeitszeit für die eigene Weiterqualifikation zu), so ist sie 38% der befragten Qualifikations-WiMis unbekannt und wird auch nicht im Arbeitsvertrag erwähnt. Obwohl dieses Informationsdefizit schon in den beiden früheren Studien angesprochen worden ist, sind die WiMis über dieses Recht „heute sogar noch schlechter informiert als vor 5 Jahren, damals wussten ‚nur’ 28% nicht, ob eine solche Festlegung Vertragsbestandteil ist.“ (S. 32)

Vollzeit-WiMis widmen nur rund ein Viertel ihrer Arbeitszeit an der eigenen Weiterqualifikation. Alle WiMis, besonders solche in Teilzeitstellen, wenden unbezahlte Überstunden für die Arbeit an der Promotion/Habilitation auf.
Beim in dieser Studie schwerpunktmäßig untersuchten Verhältnis Arbeit-Privatleben wurden „Belastungswerte im oberen Drittel erreicht, ähnlich wie bei medizinischem oder schulischem Personal.“ (S. 33)

Promotion/Habilitation

2007 glaubten noch 60% der Qualifikations-WiMis, die Promotion/Habilitation innerhalb ihrer Vertragslaufzeit abschließen zu können; 2012 waren es nur noch 49% (Drittmittel-WiMis: 2007: 51%, 2012: 40%). Besondere Probleme nannte eine Gruppe von 91 WiMis, die fünf und mehr Kurzverträge haben und ständig zwischen Projekten wechseln.

Güte der Betreuung: Immerhin 42% der WiMis waren mit ihrer Betreuung völlig zufrieden; 2007 galt das nur für 23%. Die 58% partiell Unzufriedenen bemängelten fakultätsunabhängig vor allem „zu wenig klare Vorgaben durch Betreuer/-in“ (Mittelwert 3,6) und „zu wenig Unterstützung bei persönlicher Karriereplanung“ (3,3). Nur bei dem Item „Betreuer/-in fehlen Kenntnisse auf dem Gebiet meiner Promotion/Habilitation“ zeigten sich fakultätsspezifische Unterschiede (2,7).

Betreuungsunabhängige Probleme: Als problematisch bezeichnet wurden in diesem Bereich vor allem die zu zeitintensive Vor- und Nachbereitung von Lehrveranstaltungen (Mittelwert: 3,1), zu viel Verwaltungsarbeit (3,3) und zu wenig Zeit für die Nutzung der TU-Weiterbildungsangebote (3,3).

Lehre

Zu den bedenklichen Ergebnissen der Studie gehört, dass Drittmittel-WiMis in der Lehre von 2007 zu 2012 um 10% auf 26% zugenommen (und Qualifikations-WiMis dafür abgenommen) haben. Tatsächlich leisten Drittmittel-WiMis offenbar im Mittel 3 SWS Lehre ab, obwohl ihre Arbeitsverträge in aller Regel überhaupt keine Lehre vorsehen. Qualifikations-WiMis mit ihrem üblichen Lehrdeputat von 4 SWS leisten dagegen – wie in der Studie betont wird, schon seit mindestens zehn Jahren – stattdessen ca. 5 SWS.

Dass die TU-WiMis die Dinge teils genauso sehen wie die TU-Studierenden, zeigt sich daran, dass beide Gruppen die Prüfungsorganisation als eher ungenügend einschätzen und andererseits die Ausstattung der Fachbereiche für befriedigend halten.

Forschung

Die Frage „Haben Sie Leistungen zu Publikationen erbracht, bei denen Sie nicht als (Mit-) Autor berücksichtigt wurden?“ wurde von einem Fünftel, die Frage „Haben Sie (evtl. mit anderen WM) Publikationen erarbeitet, bei denen Ihr Hochschullehrer als (Mit-)Autor auftritt, ohne dass er an den Publikationen mitgearbeitet hat?“ sogar von 28% der Befragten bejaht – wie schon vor fünf Jahren.

Etwas über die Hälfte der WiMis können, u. a. wegen teils ständiger Wechsel zwischen Projekten, nicht kontinuierlich an einem Forschungsprojekt arbeiten; ebenso viele sind mit den Arbeitsbedingungen in der Forschung nur teilweise zufrieden bis sehr unzufrieden.

Unterstützung/Weiterbildung

Die höchste Inanspruchnahme von TU-Weiterbildungsangeboten durch den Mittelbau lag im Bereich Didaktik/Präsentation/Medien (31%), gefolgt von Arbeitstechniken (28%) und den Einführungsveranstaltungen für neue WM (27%).

Unabhängig von ihrem tatsächlichen Weiterbildungsverhalten fanden die Befragten vor allem Angebote im Bereich Forschungsmanagement (41%), Promotionsvereinbarungen mit klaren Meilensteinen bzw. Teilzielen (40%), Arbeitstechniken (38%) und die Unterstützung bei Auslandsaufenthalten (37%) wichtig.

Am unteren Ende der Interessenskala lagen dagegen IT-Kompetenzen (z.B. Programmiersprachen, Datenbanken, Statistik, Administration, Bildbearbeitung) (20%) und Karriereberatung (z. B. Bewerbungstraining, Unternehmensgründung) (21%).

Beim Weiterbildungsverhalten zeigt sich auch einer der wenigen Geschlechtsunterschiede in der Studie: Frauen kennen die Angebote eher und halten sie für wichtiger als Männer, vor allem dann, wenn sie sie noch nicht wahrgenommen haben.

Karin Gavin-Kramer war viele Jahre als Wissenschaftliche Mitarbeiterin der ZE Studienberatung und Psychologische Beratung tätig und für die GEW-Mittelbauinitiative-ver.di an der FU Berlin als Mitglied der LSK/KfL aktiv. Sie unterstützt jetzt die GEW-Mittelbauinitiative als Altmitglied.

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  1. "F"UWatch » Blog Archive » Aufruf “F”U-”Mittelbau” zu hochschulpolitischem Engagement - 19.06.2013.

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