Curiositas velox: Warum individuelle Neugierde zunächst kollektiv abgetrotzt werden muss

Hat der Igel wenig zu lachen, wo der Hase forscht? (Quelle: Der Hase und der Igel, Mein erstes Märchenbuch, Verlag Wilh. Effenberger, Stuttgart, Illustration von Heinrich Leutemann oder Carl Offterdinger, Foto von “Harke”, Wikimedia Commons; ausführlicher Bildnachweis unten)

Inmitten aller Debatten über Mittelknappheit und steigende Studierendenzahlen kommt der Ruf nach Entschleunigung im Wissenschaftsbetrieb gerade recht. So preist zumindest Peter-André Alt, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und zugleich Präsident der Freien Universität Berlin,  in einem jüngst in der FAZ erschienenen Beitrag die Vorzüge der Neugierde (curiositas) in der Forschung gegenüber dem rein karrierekonformen Handeln.

Alt wandelt dabei auf den Spuren des von ihm zitierten Schwarzkünstlers Johann Faust, wenn er hervorhebt, dass genuine Neugierde an Problemen für den Forschungserfolg wichtiger als die karrierebewusste Vernetzung sei. So wünschenswert seine Forderung auch ist, so sehr zeugt sie doch auch von der charakteristischen Zerrissenheit zwischen Individual- und Kollektivhandeln im Forschungsbetrieb. Seine Einsicht wird nur dann umsetzbar, wenn sich die höchsten Repräsentant_innen deutscher Hochschulen endlich mit mehr Nachdruck für eine bessere und eben auch besser finanzierte Hochschulpolitik einsetzen.

Das Problem: Vernetzung als Selbstzweck

Mit Besorgnis stellt Alt eine abnehmende Neigung des wissenschaftlichen Nachwuchses fest, sich auf Themen um ihrer selbst willen – aus Neugierde – einzulassen. Anstelle dieser intrinsischen Motivation dominiere mittlerweile die Ausrichtung an externen Anreizen wie der verstärkten Drittmittelfinanzierung von Forschungsprojekten oder einem erhöhten Publikationsdruck. Auf diese Weise erhalte eine gute Vernetzung einen enormen Eigenwert, der ihr, so Alt, unabhängig von wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht zustehe. Seine Bilanz lautet daher: „Neben der Förderung von Strukturen und Projekten wird bei der Qualifizierung junger Wissenschaftler zu wenig auf die Pflege und Entwicklung der Neugierde als Erkenntnisprinzip geachtet.“

Die Analyse des Problemkomplexes erscheint zutreffend: Netzwerke sind kein Übel, solange sie nicht zum karrieristischen Selbstzweck verkommen. Was Alt anspricht, sind wiederholt kritisierte Tendenzen und teilweise Exzesse eines zunehmend stärker ökonomisierten Alltags in Forschung und Lehre. Hier spricht der davon selbst betroffene Forscher Peter-André Alt.

Die Lösungen: Mehr Neugierde, mehr Kreativität, mehr Vorbilder?

Seine drei Lösungsvorschläge spiegeln ebenfalls die Sichtweise des individuellen Forschers wider. So empfiehlt Alt als Medizin gegen das Gift der schwindenden bzw. vom emsigen Netzwerken verdrängten Neugierde erstens einfach mehr Neugierde, ohne zu erklären, wie sich diese denn im bestehenden System behaupten könne.

Zweitens wünscht sich Alt– zu Recht – mehr Zeit und Unterstützung für kreative „Nebenwege“, die in einem Prozess von „trial and error“ auch eher zufällig gewonnene Erkenntnisse erlauben. Zwar nennt er einige solcher Beispiele, verrät aber erneut nicht, wie diese „Nebenwege“ frei zu räumen sind.

Drittens fordert Alt die ältere Generation von Forschenden auf, als Vorbild für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu dienen. Dies ist in jedem Fall sinnvoll und wünschenswert, aber es wird nicht klar, warum plötzlich weitaus mehr Gelehrte in diese Rolle schlüpfen sollten, sofern sie diese nicht ohnehin schon einnehmen. Der Mangel an Vorbildern für neugieriges Forschen dürfte sich schließlich angesichts Alts eigener Sorge verschärfen, nämlich dass nach und nach mehr gut vernetzte, aber weniger intrinsisch neugierige Personen auf die zentralen Positionen in Lehre und Forschung gelangen.

Zum ultimativen Ziel erhebt Alt die Förderung kreativer Forschung in einer „Kultur der Entschleunigung (…), die das Prinzip des Zufalls als integralen Bestandteil des Forschungsprozesses anerkennt“. Hier spricht immer noch Forscher Peter-André Alt.

Das Aber: „Schnelle Neugierde“ und zwei Hüte

Seine Lösungsvorschläge bleiben jedoch bestenfalls gut gemeinte individuelle Handlungsempfehlungen, die keine Antworten auf die strukturellen Zwänge im Hochschulalltag bereithalten. Besteht Einigkeit in dem von ihm formulierten Wunsch, dass wissenschaftliche Institutionen kreative Forschung auf breiter Basis und nicht nur in „Exzellenzclustern“ ermöglichen sollten, so gilt es viel genauer nach dem Wie zu fragen.

Die höchste Hürde für individuelle Neugierde ist nämlich strukturell angelegt. Langfristig angelegte Neugierde kann sich im bundesdeutschen Hochschulsystem allenfalls die Minderheit der festangestellten Forschenden (neben Professor_innen sogenannte Funktionsstellen) leisten. „Leisten“ ist dabei durchaus in einem engen Sinne zu verstehen: Die Vertragslaufzeiten für den wissenschaftlichen Nachwuchs sind in vielen Fällen kurz und die Arbeitsbelastung nimmt angesichts steigender Studierendenzahlen und zusätzlicher Aufgaben im Wissenschaftsmanagement eher zu, während verlässliche Karrierepfade weiterhin dünn gesät sind. Wer das Risiko liebt, versuche unter diesen Bedingungen wissenschaftlicher Prekarität bloß angetrieben vom Wissensdurst nach ungewissen Erkenntnisgewinnen zu streben und eventuell noch eine Familie zu gründen! Das individuell rationale Verhalten angesichts dieser Planungsunsicherheit ist „schnelle Neugierde“: curiositas velox. Das ist gewiss nicht die Form der Neugierde, die Alt vorschwebt.

Diese Problemkonstellation existiert auch an der FU Berlin, an der Alt lehrt und deren Präsident er ist. Insofern ist es begrüßenswert, dass sich der oberste Repräsentant einer der größten deutschen Hochschulen als Forscher so klar positioniert. Neben dem Hut als Forscher, der den Blick für den individuellen Beitrag zu wissenschaftlicher Neugierde hat, trägt er allerdings auch einen Hut als Universitätspräsident, der wie kein zweiter maßgeblichen Einfluss auf die strukturellen Bedingungen an „seiner“ eigenen Institution für Neugierde hat. Anders gesagt: Den Raum für das Ausleben unserer individuellen wissenschaftlichen Neugierde müssen wir uns zunächst wieder kollektiv erstreiten – insbesondere gegenüber den politisch Verantwortlichen auf Landes- und Bundesebene. Hierzu, sprich zu den Strukturen, in die junge Wissenschaftler_innen hineinwachsen, müsste sich Peter-André Alt als Universitätspräsident und zugleich Forscher aus Neugierde politisch klarer äußern.

Ausführlicher Bildnachweis:
Quelle: Der Hase und der Igel, Mein erstes Märchenbuch, Verlag Wilh. Effenberger, Stuttgart, Illustration von Heinrich Leutemann oder Carl Offterdinger.
Bereitgestellt im Medienarchiv Wikimedia Commons
Foto: Harke (Version: 347 × 480 Pixel, verkleinert)
Lizenz: public domain mark 1.0
Letzter Zugriff: 10.05.2013
Die Originaldatei ist hier zu finden.

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