Zwischen Mut und Popcorn: Das FU-Präsidium und die Perspektiven des Mittelbaus

Präsident und Kanzler bei unserem Gespräch (Fotos: Valentin Dyckerhoff)

Am Donnerstag den 14. Juli 2011 fand um 18 Uhr die zweite öffentliche Diskussion von Vertreter/-innen der Initiative FU-Mittelbau mit dem FU-Präsidenten Prof. Dr. Peter-André Alt und dem FU-Kanzler Peter Lange statt. Dieses Treffen hatte das Ziel, den im Januar begonnenen Dialog zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Zukunftsperspektiven des FU Mittelbaus in Form einer konstruktiven Diskussion fortzuführen. Neben den Vertretern des Präsidiums nahmen auch Matthias Jähne von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Stefanie Krebs-Pahlke als Vertreterin des Personalrats Dahlem unsere Einladung an. Bei den drei Themen ging es dann doch kontrovers zur Sache, auch wenn sich ein paar gemeinsame Vorstellungen herauskristallisierten.

Vor Beginn des Gesprächs

Jeder der drei Themenblöcke wurde von einer kurzen Einführung der Vertreter/- innen von FU-Mittelbau eingeleitet, in der die Probleme umrissen und konkrete Verbesserungsvorschläge vorgestellt wurden. Danach begann mit den Beiträgen von Präsident und Kanzler die offene Diskussion.

1. Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Mittelbaus in der Promotionsphase

Unsere Einschätzung, dass gute Lehre und Forschung eine Mindestvertragslaufzeit von 4 Jahren bedarf und deshalb Mindeststandards für Vertragslaufzeiten, Vertragsvergabe und Vertragsumfang eingeführt werden sollten, wurde unterschiedlich aufgenommen.

Der Präsident teilte grundsätzlich die Einschätzung, dass eine gewisse Zeit für die Qualität von Lehre und Forschung wichtig sei. Er war jedoch der Ansicht, dass die FU hier im Vergleich zu anderen Universitäten relativ gut da stehe. Eine Beschäftigungsdauer von über 36 Monaten soll auch in Zukunft nach seinem Willen der Normalfall sein. Ausnahmen kämen hauptsächlich durch Drittmittelprojekte zustande, bei denen kürzere Beschäftigungsdauern aus den Projektbefristungen resultierten. Einer breiten Erhöhung des Vertragsumfangs auf 66% und mehr stand er skeptisch gegenüber, da besonders in den Geisteswissenschaften halbe Stellen die Möglichkeit böten, trotz Unterfinanzierung mehr Personen zu fördern.

Großen Anlass zur Klage gäbe es in Bezug auf die Arbeitsbedingungen an der FU nicht.

Der Kanzler verwies in seiner Antwort auf den Stellenplan der FU. Der Standarfall an der FU sei 4-Jahresverträge. So hätten 624 der 1205 Stellen eine Laufzeit über 36 Monate (vgl. unsere Diskussion der Zahlen). Außerdem verwies er auf zwangsläufige Befristungen, z.B. bei Elternzeitvertretungen oder Stellen die mit auslaufenden Lehrstühlen verbunden seien.

Stefanie Krebs-Pahlke (Personalrat Dahlem) stimmte zu, dass grundsätzlich auf eine Vertragslaufzeit von vier Jahren geachtet wird. Sie riet dazu, beim Personalrat nachzufragen, wenn Ausschreibungen mit einer Vertragslaufzeit unter zwei Jahren auftauchen. Die Probleme lägen hier eher auf der Professoren-Ebene, da es vom Präsidium Rahmenvorgaben gibt. Bezüglich der Stipendien empfand sie es auch als problematisch, dass diese Zeiten nicht auf die Stufen im TV-L angerechnet werden.

Matthias Jähne (GEW) betonte die Problematik der Teilzeitstellen und die Notwendigkeit einer qualitativen Studie darüber, wie es den Promovierenden wirklich gehe. Auch verwies er auf höhere Mindeststandards an anderen Berliner Universitäten. An TU und HU sind 66%-Stellen und/oder Laufzeiten von 5 Jahren die Regel.

Unsere Forderung, bestehende WiMi-Stellen nicht zugunsten von Stipendien zu streichen, wurde sowohl vom Präsidenten als auch vom Kanzler geteilt und damit als unnötig abgetan. Das Modell WiMi soll für die Qualifizierung erhalten bleiben. Stipendien könnten dieses Modell lediglich ergänzen und würden mit zusätzlichen Geldern finanziert.

Daumen runter für unsere Forderungen?

Auf die größte Ablehnung stieß die Forderung nach konkreten und verbindlichen Arbeitsbeschreibungen, wie es sie z.B. an der Uni Heidelberg gibt. Dort wird an jeden Arbeitsvertrag eine lange Liste mit möglichen Aufgaben angehangen, wobei nur die für die konkrete Stelle relevanten angekreuzt werden. So ist für alle Seiten transparent, welche Aufgaben zur Stellenbeschreibung gehören. Das Dilemma der promovierenden WiMis, die in einem doppelten Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Doktormüttern/-vätern und Arbeitgeber/-innen stehen und sich deshalb nur schwer wehren können, wurde ignoriert.

2. Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Lehrbeauftragten

Linda Guzzetti, Lehrbeauftragte, bleibt skeptisch.

Unsere Forderung, das BerlHG in Bezug auf Lehraufträge umzusetzen und keine unbesoldeten Lehraufträge mehr zu vergeben, wurde als ein Problem der Fachbereiche bezeichnet, das die Universitätsleitung nur bedingt kontrollieren könne. Die Fachbereiche müssen laut Kanzler die Regellehre durch Mitarbeiter/-innen abdecken. Besonders der Fachbereich Politik und Sozialwissenschaften sei bereits im Jahr 2003 vom Präsidium darauf hingewiesen worden,  dass der Anteil der Lehrbeauftragten zu hoch sei.

Der Präsident stimmte zu, dass herausgefunden werden muss, wer die Lehrbeauftragten seien. Die vom Mittelbau im AS angefragten Zahlen seien ein Anfang. Er sehe ein, dass es kein Signal in die richtige Richtung sei, wenn vermittelt würde, die Lehre sei nichts wert. Als ein Problem bezeichnet er auch die sehr unterschiedlichen und ungeregelten Vergabeverfahren für Lehraufträge in den unterschiedlichen Fachbereichen (von sehr kompetitiv bis auf Zuruf).

Der Kanzler (rechts) schaut lieber nochmal in die Zahlen, während der Präsident antwortet. Links Matthias Jähne (GEW).

Matthias Jähne nannte die Zahlen „alarmierend“. Offensichtlich sei eine Umschichtung im Haushalt notwendig, um die Lehre zu sichern. Ansonsten seien keine strukturellen Änderungen zu erwarten.

Im Publikum wurde darauf hingewiesen, dass es durchaus Lehrbeauftragte gebe, die ihren Unterhalt wegen fehlender oder geringer Vergütung ihrer (sehr gut besuchten) Lehrveranstaltungen mit dem Eintüten von Popcorn im Kino verdienen müssten. Auf die Nachfrage an das Präsidium, was gegen diese sich offensichtlich verfestigten strukturellen Probleme getan würde, wurde auf die Verantwortung der Fachbereiche hingewiesen, man müsse eben dort nachhaken. Die Abdeckung der Regellehre durch angestelltes Personal sei Bedingung für die Einrichtung neuer Studiengänge gewesen. Für die im kommenden Semester erwarteten höheren Studierendenzahlen würden laut Kanzler nach dem Zulassungsprocedere Lösungen gefunden (Zusatzzahlungen an die Fachbereiche).

Die Kritik an der Situation der Lehrbeauftragten im Sprachenzentrum wurde weitgehend ignoriert. Hier werden 40% der Lehre, die auch dauerhaft angeboten, wird prekär bezahlt – wohlbemerkt ohne Sozialversicherungen, Urlaub, Korrekturen, etc. Das Präsidium verwies lediglich darauf, dass hier seit 2007 elf neue Stellen geschaffen wurden, an der 40%-Zahl ändert dies jedoch nichts…

3. Verbesserung der Zukunftsperspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses

Unsere Forderung, Befristungen nach der Promotion stark zu reduzieren und die Laufbahn an der FU durch  die Einrichtung von Tenure Track und unbefristeten W2-Stellen attraktiver, planbarer und familienfreundlicher zu gestalten, ist auf Unverständnis gestoßen.

Jenseits befristeter Verträge können kaum verlässliche Perspektiven geboten werden - das Professur-Nadelöhr bleibt eng und spät. Der Kanzler scheint dies zu beklatschen.

Natürlich wurde unserer Forderung nach Tenure Track-Stellen auch mit dem Argument der fehlenden Finanzierung begegnet (hier wurden auch Studiengebühren erwähnt…). Stärker im Vordergrund stand aber die Ansicht des Präsidiums, solche Modelle seien der Wissenschaft abträglich. Sie führten zur “Verstopfung” des Systems und fehlenden Anreizen. (Natürlich gilt dies nicht mehr nach der Weihe zum/zur ProfessorIn auf Lebenszeit…) Wohlbemerkt gibt es auch in einem Tenure Track-Modell verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten.

Die internationale Wettbewerbsfähigkeit wurde nicht als Problem wahrgenommen. Die FU sei für internationale renommierte Wissenschaftler/-innen ein attraktiver Arbeitsplatz. Ein internationaler Vergleich wurde u.a. mit Verweis auf die Probleme im britischen und französischen Bildungssystem zurückgewiesen. Kein Wunder, gibt es doch in den anderen exzellenten Hochschulstandorten der Nachbarländer und der USA deutlich mehr Tenure Track-Stellen und wesentlich weniger befristete Arbeitsverhältnisse (vgl. unsere Diskussion zur Befristung im internationalen Vergleich).

Die Situation an der FU wurde von dem Präsidium als überdurchschnittlich gut dargestellt. Die Wegberufung vonW1 zumeist bereits kurz nach der Zwischenevaluation sei ein Zeichen für die Qualität der FU. Ein Zusammenhang mit der Perspektivlosigkeit des Arbeitsverhältnisses wurde nicht gesehen. Etwas paradox war dies schon: Das Präsidium verweist auf die hervorragenden Wissenschaftler an der Uni und sieht es dann als Erfolg an, wenn sie nach kurzer Zeit weggehen müssen.

Das Tenure Track Modell blockiere außerdem, so das alte und gefährliche Argument des Präsidiums, den wissenschaftlichen Nachwuchs. Besonders der Präsident machte das Argument der Flexibilität stark: Eine wissenschaftliche Karriere sei immer mit Risiko verbunden und das werde auch so bleiben.

Eine erste interne Auswertung?

Matthias Jähne bemerkte, dass beim Präsidium offensichtlich nicht der Wille vorhanden sei, neben den Professuren auch andere hochqualifizierte Dauerstellen einzurichten. Hier müsse der Bedarf festgestellt werden.

Aus dem Publikum wurde nach der fehlenden Umsetzung an der FU der familienpolitischen Komponente im WissZeitVG gefragt. Hier warte das Präsidium auf eine richterliche Entscheidung. Darüber hinaus seien die Betreuungsangebote gerade für Familien an der FU hervorragend. Ansonsten sei in der Wissenschaft eben Flexibilität gefragt.

Unsere Bilanz nach dem Gespräch

  • Bezüglich der Arbeitsbedingungen des Mittelbaus in der Promotionsphase bestehen deutliche Unterschiede zwischen unserer Wahrnehmung und der des Präsidiums. Die Zustimmung des Präsidenten, zu einer Untersuchung über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen der WiMis, nehmen wir beim Wort. Die Feststellung des Präsidiums, dass die Mindestvertragslaufzeit von WiMi-Stellen im Normalfall an der FU 4 Jahre betrage genauso Teil dieser Untersuchung sein, wie der Umfang der „Einzelfälle“ und Sonderlösungen
  • Die klare Ablehnung von konkreten und verbindlichen Arbeitsbeschreibungen (Heidelberger Modell) ohne Nennung von Gründen ist für uns unverständlich. Hier besteht offensichtlich ein deutlicher Interessensgegensatz, der in Zukunft thematisiert werden muss.
  • Die Verantwortung für die un- oder schlecht bezahlten Lehraufträge liegt laut Präsidium bei den Fachbereichen. Hier ist es dringend notwendig, die Universitätsleitung stärker in Verantwortung zu nehmen. Sie muss kontrollieren, ob die Lehraufträge an der FU dem BerHG entsprechen. Wie der Präsident treffend bemerkte: Es ist kein Signal in die richtige Richtung, wenn vermittelt wird, Lehre ist nichts wert.
  • Zudem darf die Situation am Sprachenzentrum nicht unter den Tisch fallen: Hier werden seit langer Zeit Daueraufgaben von Lehrbeauftragten übernommen. Diese Menschen müssen eingestellt werden.

Bei der Diskussion zu den Zukunftsperspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses wurden die klaren Interessensunterschiede besonders deutlich. Die euphemistische Forderung des Präsidenten zu Mut, Risiko und Neugier als Bedingung für eine wissenschaftliche Karriere, ist angesichts der prekären Realität vieler Nachwuchswissenschaftler/innen zynisch. Die Ablehnung des Tenure Track-Modells ohne konkrete Gründe zeigt unserer Meinung nach am deutlichsten, dass dem Präsidium der politische Wille zur Veränderung fehlt.

All diese Punkte zeigen, dass es an der FU mehr Transparenz und Austausch braucht. Deshalb freuen wir uns über die von dem Präsidenten geäußerte Zustimmung, den Dialog im nächsten Semester fortzusetzen.

(alle Fotos: Valentin Dyckerhoff)

, , , , ,

3 Responses to Zwischen Mut und Popcorn: Das FU-Präsidium und die Perspektiven des Mittelbaus

  1. Gregor Reisch 01.08.2011. at 18:17 #

    Die Argumente des Präsidiums (“Verstopfung”, Finanzierung und Flexibilität) bezüglich Tenure-Track und unbefristeten Stellen im Mittelbau zeugen von mangelndem Willen. So geht bspw. die Universität Bremen (in einem ebenfalls hoch verschuldeten Bundesland) andere Wege und zeigt (S. 52 ff., FES Publikation von Angela Borgwardt mit dem Titel “Vom langen Weg zur Professur”, http://library.fes.de/pdf-files/studienfoerderung/07788.pdf), dass eine vorausschauende Personalpolitik (“Von den wissenschaftlichen Mittelbaustellen an der Bremer Universität
    sind derzeit ein Drittel unbefristet.” S. 54 s.o.) an einer deutschen Hochschule durchaus möglich ist.
    Mit der Universität Konstanz zeigen im Übrigen auch andere “Exzellenzunis”, dass unbefristete Mittelbaustellen möglich und nötig sind (Stellenausschreibung Mai 2011 auf zeit.de: http://jobs.zeit.de/jobs/konstanz_akademische_raetinnen_akademische_raete_61027.html).
    Solche Stellen scheinen der Wissenschaft demnach nicht per se abträglich zu sein…

Trackbacks/Pingbacks

  1. Nachlese zur Diskussionsveranstaltung “Unsicherer Berufsweg Wissenschaftler/in? | FU-Mittelbau - 15.03.2012.

    […] […]

  2. Umfrage zur Situation des akademischen Mittelbaus an der FU Berlin | FU-Mittelbau - 12.06.2012.

    […] unseren Blog aufmerksam verfolgt, hat u.a. hier und hier gelesen, dass wir, die Initiative FU-Mittelbau, in öffentlichen Diskussionen mit dem Präsidium […]

Leave a Reply