Befristung und Teilzeit an der FU – In der Prekarität liegt die Würze

Im Rahmen der Evaluierung des WissZeitVG kamen vor ein paar Monaten erschreckende Zahlen an die Öffentlichkeit, was den Umgang der Hochschulen mit Befristungen wissenschaftlicher Mitarbeiter anbelangt. Wir wollten wissen, wie die Situation an der FU aussieht und haben dazu im Akademischen Senat eine Anfrage an das Präsidium gestellt. Nach mehrmaliger Vertröstung und Verschiebung der zugesagten Zahlen haben wir nun eine erste Teilantwort erhalten und können euch die Zahlen zum Umgang mit Befristungen, mit Teilzeitregelungen und zum Verhältnis Haushalts- vs. Drittmittel präsentieren.

Drittmittel überholen Grundausstattung

An der FU waren zum 01.05.2011 (das Präsidium nahm passenderweise den Tag der Arbeit als Stichtag für die statistischen Daten) insgesamt 2196 wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt. Diese Kategorie umfasst 16 Berufsgruppen – vom wissenschaftlichen Mitarbeiter/Angestellten/Assistenten, Lehrkräfte für besondere Aufgaben, Akademischer (Ober-)Rätin, Lektor bis zur Tierärztin. Eine wichtige Unterscheidung ist hierbei die zwischen Haushaltsstellen (die direkt über die FU finanziert werden und i.d.R. im Stellenplan vorgesehen sind) und Drittmittelstellen, die aus Projektmitteln finanziert werden. Hier zeigt sich, dass an der FU knapp über die Hälfte der Stellen (1159 bzw. 53%) über Drittmittel finanziert sind (in der Grafik rot und orange) – und damit nicht zur “Grundausstattung” der FU gehören. Dies spiegelt zum einen den Erfolg der FU bei der Einwerbung von Drittmitteln wider, zum anderen den politisch gewollten, aber sehr bedenklichen Trend, die Grundfinanzierung der Hochschulen immer weiter abzusenken. Außerdem sind Drittmittelbeschäftigte in der Regel nicht in die Lehre involviert. Die aktuelle Forschung entfernt sich damit immer stärker von der “Ausbildung” der Studierenden.

Die (knappe) Mehrheit der WiMi wird über Drittmittel finanziert. Eine gesicherte Grundfinanzierung der FU sähe anders aus ...

In beiden Kategorien ist das Genderverhältnis leicht unausgewogen zuungunsten von Frauen. Bei den Haushaltsmitteln beträgt deren Anteil 49% (türkis, absolut: 508), bei den Drittmitteln nur 46% (orange, absolut: 537).

Befristungen

Bundesweit haben nur 17% aller wissenschaftlichen MitarbeiterInnen eine unbefristete Stelle (vgl. Diskussion zu Befristungen). Diese geringe Zahl wurde nach Veröffentlichung der Evaluierung des WissZeitVG von verschiedener Seite kritisiert: Aus der Sicht der Beschäftigten gibt es bei einer solchen Prekarisierung viel zu wenig Planbarkeit und keine dauerhafte Perspektive, wenn man Wissenschaft als Beruf betreiben möchte. Aus der Sicht der Hochschulen führt eine solch hohe Personalrotation u.a. zu Problemen bei der Sicherung der Qualität der Lehre und verheizt unnötigerweise an der Uni qualifizierte MitarbeiterInnen bereits nach kurzer Zeit.

Vertragslaufzeiten der FU-WiMis

An der FU haben nur 11,7% der WiMi unbefristete Verträge (deutschlandweit sind es 18%). Die Vertragslaufzeiten sind mit großer Vorsicht zu genießen, vgl. das Update unten.

An der FU haben nur 257 MitarbeiterInnen eine unbefristete Stelle (in der Grafik grün). Das sind lediglich 11,7%! Damit wird der traurige Bundesdurchschnitt noch einmal deutlich unterschritten. Auch dies kann z.T. mit der hohen Anzahl der Drittmittel erklärt werden, denn die FU nutzt diese bisher noch nicht, um Dauerstellen für Daueraufgaben zu schaffen. Bei den Vertragslaufzeiten ergibt sich ein Bild, welches die FU positiv vom Bundesdurchschnitt abhebt. Der Anteil der Verträge mit Laufzeiten bis zu 2 Jahren ist deutlich geringer als im bundesdeutschen Vergleich und liegt an der FU bei 17% (in der Grafik: rot und schwarz). Dennoch haben eben absolut genommen 378 Personen solch kurze Vertragslaufzeiten.

Update (täuschende Zahlen): Die hohe Zahl langer Verträge hatte uns (zunächst positiv) überrascht. Auf konkrete Nachfrage stellte sich jedoch heraus, dass die Vertragslaufzeiten die akkumulierten Verlängerungen widerspiegeln. Beispiel: Hat jemand einen 1-Jahresvertrag zwei Mal verlängert bekommen und dann noch einmal ein halbes Jahr drauf, taucht er in der Statistik in der “komfortablen” blau gefärbten Kategorie auf und ist nicht zu unterscheiden von der Kollegin, die gleich einen 4-Jahresvertrag erhielt. Das verschleiert enorm die tatsächliche Perspektive der Angestellten und deren prekären Planungssicherheit. Die Laufzeit allein des aktuellen Vertrages bzw. der letzten Verlängerung wird an der FU statistisch nicht erfasst.

Wir hatten auch danach gefragt, wie oft an der FU die 6 Jahre (plus 2 je Kind) ausgenutzt werden, die das WissZeitVG als Maximum pro Qualifikationsphase (Promotion, Post-Doc) setzt bei überwiegend aus Haushaltmitteln finanzierten Stellen. Leider haben wir hierzu keine Antwort erhalten, dies wird nach Auskunft des Kanzlers an der FU nicht erhoben.

Teilzeitstellen

Interessante Zahlen haben wir auch beim Thema Teilzeit bekommen. Wie die Grafik unten verdeutlicht, gibt es zwei Standardsituationen: Entweder halbe oder ganze Stellen. Nur ein kleiner Teil der Stellen (83 MitarbeiterInnen) hat eine Arbeitszeit von weniger als 50%. Die betrifft z.B. einige Kollegen am Fachbereich Rechtswissenschaft, die während des Referendariats nur eine Viertelstelle haben dürfen. Der Regelfall an der FU ist jedoch die halbe Stelle (972 MitarbeiterInnen, oder 44%). Volle Stellen machen ca. 40% der Gesamtzahl aus.

Verteilung der Teilzeitregelungen bei FU-WiMis

50%-Stellen als Standard in der Promotionsphase? Die DFG und andere Berliner Unis sind da schon weiter.

Interessant ist jedoch der Bereich dazwischen: Bei den Drittmitteln haben immerhin 14% eine Teilzeitstelle zwischen 50% und 100% Arbeitszeit. Diese Tendenz wird sich in Zukunft verstärken, da die DFG als wichtister Drittmittelgeber seit Anfang diesen Jahres 66%-Stellen als Regelfall für die Promotionsphase betrachtet.

Bei den Haushaltsstellen ist deren Anteil deutlich geringer, denn hier werden Promotionsstellen i.d.R. als halbe Stellen ausgeschrieben. Einige Fachbereiche der FU (z.B. die Wirtschaftswissenschaftler) stellen Promovenden aber auch auf 66%-Basis ein. Vermutlich unterscheidet sich die Verwendung von halben/zweidrittel/ganzen Stellen auch in den Naturwissenschaften, aber leider haben wir diese Zahlen noch nicht nach Fachbereichen aufgeschlüsselt bekommen.

Die halbe Stelle als Regelfall ist jedoch erstens eine etwas neuere Entwicklung und zweitens selbst im Vergleich der Berliner Unis keine Selbstverständlichkeit. An der TU sind weiterhin volle Stellen auch in der Promotion Standard, die Vertragslaufzeit beträgt standardmäßig 5 Jahre. Diese Mindesstandards sind zuletzt in einer Verwaltungsvorschrift an der TU 2008 erlassen worden.

Unbezahlte Überstunden: Die Diss ist kein Privatvergnügen

Was diese Grafik nicht zeigt – und was auch in keiner Statistik erfasst wird -, ist die tatsächliche Arbeitszeit. Die liegt vermutlich deutlich über den vertraglich festgelegten und bezahlten Stunden. Wenn wir also unsere unbezahlten Überstunden zusammenrechnen würden, sähen die Balken etwas anders aus. Viele akzeptieren diese unbezahlten Überstunden, u.a. in der (oft vergeblichen) Hoffnung auf eine bessere Zukunft (vgl. unsere Diskussion zur Motivation). Viele sind sich zudem nicht einmal bewusst, dass ihr Arbeitsvertrag – sofern sie auf einer “Qualifikationsstelle” sitzen – meist vorgibt, dass je ein Drittel der Arbeitszeit für Lehre, für Mitarbeit an der Arbeitsstelle und in den Gremien, und für die persönliche Qualifikation vorgesehen ist. Zur letzteren zählt z.B. die Promotion. Dies bedeutet, dass die Promotion kein Privatvergnügen ist, sondern Teil des Arbeitsverhältnisses. Wir werden dafür bezahlt, Wissenschaft (als Beruf) zu betreiben – und dazu gehört in der Promotionsphase die Dissertation.

Und die Konsequenzen?

… werden wir bei unserem nächsten Gespräch mit dem Präsidium am Donnerstag diskutieren müssen und auch in Zukunft im Akademischen Senat ansprechen. Vorstellbar ist z.B. eine Verwaltungsrichtlinie, die wie an der TU bestimmte Mindeststandards in Bezug auf Vertragslaufzeit und Arbeitszeit bei den Verträgen festlegt. Ein überfälliger Schritt ist die Übernahme der DFG-Entscheidung, für Promovenden mindestens 66%-Stellen zu schaffen.  Für eine solche Verwaltungsrichtlinie ist an der FU allein das Präsidium zuständig.

In einem zukünftigen Beitrag werden wir an dieser Stelle auch die von uns erfragten Zahlen zu den Lehrbeauftragten präsentieren.

 

Anmerkung

Wir sind bei den Zahlen an einigen Stellen noch skeptisch. Bei den hier noch nicht vorgestellten Daten zu den Lehrbeauftragten gibt es eklatante Mängel, bei den WiMi-Daten kommt uns die hohe Anzahl von relativ (!) langen Vertragslaufzeiten suspekt vor. Noch ist nicht geklärt, ob hier tatsächlich die im aktuellen Vertrag vorgesehenen Laufzeiten berücksichtigt werden, oder ob eine 2-Jahres-Stelle, die gerade um 2 Jahre verlängert wurde, ungerechtfertigterweise als “4-Jahres-Stelle” behandelt wird. [Update: Unsere Befürchtung stellte sich als wahr heraus, vgl. Update oben]

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  1. Zwischen Mut und Popcorn: Das FU-Präsidium und die Perspektiven des Mittelbaus | FU-Mittelbau - 29.07.2011.

    […] der FU sei 4-Jahresverträge. So hätten 624 der 1205 Stellen eine Laufzeit über 36 Monate (vgl. unsere Diskussion der Zahlen). Außerdem verwies er auf zwangsläufige Befristungen, z.B. bei Elternzeitvertretungen oder […]

  2. Curiositas velox: Warum individuelle Neugierde zunächst kollektiv abgetrotzt werden muss | FU-Mittelbau - 02.02.2012.

    […] Funktionsstellen) leisten. „Leisten“ ist dabei durchaus in einem engen Sinne zu verstehen: Die Vertragslaufzeiten für den wissenschaftlichen Nachwuchs sind in vielen Fällen kurz und die Arbeitsbelastung nimmt […]

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