30.000 neue Wissenschaftler benötigt

Prognose des Bedarfs an Mittelbaupersonal

Prognose des Bedarfs an Mittelbaupersonal, Quelle: Gülker 2011: S. 26.

Die Forderung  nach einem größeren Angebot an unbefristeten wissenschaftlichen Stellen nach der Promotion ist Mittelbauangehörigen bekannt und spätestens seit der Veröffentlichung des Templiner Manifests der Gewerkschaft GEW auch bewusst. Nun untermauert eine von der GEW beim Wissenschaftszentrum Berlin in Auftrag gegebene Studie diese Forderung.

Wie die Zeit berichtet, werden laut der Autorin der Studie, Dr. Silke Gülker, in den Jahren  bis 2025 30.000 neue Akademiker benötigt, davon allein 16.000 Professoren. Das klingt zunächst viel und wirft die Frage auf, wie sich diese Zahlen ergeben. Als einen Hauptgrund für diesen Bedarf an akademischem Nachwuchs identifiziert die Studie vor allem das altersbedingte Ausscheiden aktueller Professoren. Dies dürfte zunächst wenig Aufsehen erregen; Generationenwechsel finden immer wieder mal statt. Daher wollen wir hier einen kurzen Blick auf die Studie werfen.

Was bisher geschah…

Rückblickend zeigt sich zunächst, dass sich der Anteil des Mittelbaus seit Beginn der Statistik aufgrund struktureller Veränderung vergrößert hat, und zwar überproportional zu den Professorenstellen. Hier liegt bereits ein mögliches Problem: mehr Mittelbauangestellte im Verhältnis zu den potentiellen Professorenstellen. Oder, andersherum betrachtet, deutlich zu wenig Professuren bzw. andere unbefristet akademisch Beschäftigte an den Hochschulen. Hier ist also ein erster Bedarf an mehr entfristeten Stellen unterhalb der traditionellen W3-Professur erkennbar.

Im Vergleich verschiedener Disziplinen zeigt sich, dass in der Vergangenheit vornehmlich Humanmedizin und naturwissenschaftliche Fachgebiete expandierten, erst mit Abstand folgen Ingenieurswissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, dicht gefolgt von Sprach- und Kulturwissenschaften.

Auch existiert ein nahezu konstanter, starker Anstieg der Studierendenzahlen. Gleichzeitig verschlechtern sich aber die Relationen der Betreuungsverhältnisse für Studierende deutlich. Dies gilt sowohl in Bezug auf ProfessorInnen als auch auf den Mittelbau und gilt sogar noch, wenn beide Gruppen zusammengerechnet werden. Diese Entwicklung geht klar auf Kosten von Studierenden und von akademischen Mitarbeitern. Im internationalen Vergleich stellen sich die deutschen Zahlen selbst unter voller Berücksichtigung des Mittelbaus als sehr schwach dar. Interessant ist hier, dass besonders in Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die zusammen die größte Studierendengruppe stellen, die Betreuungsverhältnisse besonders schlecht sind.

Befristungssituation 2009

Befristungssituation 2009. Quelle: Gülker 2010: S. 18. Legende: grau = befristet, schwarz = unbefristet

Die Beschäftigungsverhältnisse sprechen eine ähnliche Sprache. Lässt man die geringe (und sinkende) Anzahl von DozentInnen und AssistentInnen außer Acht, zeigen sich sowohl bei Professuren als auch bei wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitern zwei Tendenzen. Erstens haben zwar die absoluten Zahlen jeweils zugenommen, jedoch stieg im Zeitraum 1998-2009 besonders beim Mittelbau der Anteil der Teilzeitbeschäftigten und der Anteil der befristet Beschäftigten drastisch an. Der absolute Anstieg der verfügbaren Stellen wurde demnach mit einer relativen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen erkauft: Es gibt nicht nur mehr Befristungen und Teilzeitarbeit, sondern gleichzeitig auch mehr zu betreuende Studierende und Konkurrenz um vorhandene Stellen. Generell sei für Akademiker in Deutschland erst im Lebensalter von ca. 40 mehrheitlich mit einer unbefristeten Stelle zu rechnen. Zu Recht identifiziert die Studie die Politik als Quelle dieser Entwicklung und zeigt auch deutlich, dass die Zunahme der Unsicherheit nicht nur ein dumpfes Gefühl in der Magengegend des Mittelbaus ist, sondern von belastbaren Zahlen untermauert wird.

 

Ausblick in Richtung Zukunft

Soweit zum Rückblick. Die Studie beschäftigt sich aber hauptsächlich mit dem Ausblick. Für die Zukunft zeigt die Studie folgendes Bild:

Bis ca. zum Jahr 2019 scheiden ca. 21.500 ProfessorInnen und wissenschaftliche und künstlerische MitarbeiterInnen wegen Alters aus der Akademia aus. Die Neubesetzung dieser Stellen wird – gleichbleibende absolute Stellenzahlen vorausgesetzt – vermutlich zu relativ mehr Befristungen und Teilzeitbeschäftigung führen, sofern sich der bisherige Trend in diese Richtung fortsetzt.

In diese Zahlen der Studie sind wichtige demographische Entwicklungen allerdings noch nicht mit eingerechnet: Soist in den Jahren 2011-2013 mit besonders hohen Zahlen neuer Studienanfänger zu rechnen. Diese sind den starken Geburtenjahrgänge der 1990er Jahre und den doppelten Abiturientenjahrgängen geschuldet. Der komplette Wegfall der Wehrpflicht konnte von der Studie noch nicht berücksichtigt werden. Er dürfte die Zahlen der Studienanfänger noch weiter zuspitzen.

Bereits hier zeigt sich, dass es in Bälde sehr akut zu einer enormen Nachfrage an universitärer Lehre und Betreuungsleistungen kommen wird, diese aber zeitlich nicht mit den in den Stoßjahren 2014, 2018 und 2019 freiwerdenden Professuren und Mittelbaustellen zusammenfallen werden. Daher wird der Bedarf an Mittelbaustellen kurzfristig vermutlich stark ansteigen. Konkret müssten selbst nach der vorsichtigsten Schätzung im Jahr 2014 bereits 2.000 zusätzliche ProfessorInnen und 6.500 zusätzliche Mittelbaustellen geschaffen werden, nach den etwas mutigeren Schätzungen bereits zusätzliche 4.000, respektive 15.000. Ob sich dieser Bedarf angesichts der aktuellen Arbeitsbedingungen wie Befristung, Teilzeit, Unvereinbarkeit mit Familienplanung und schlechten Betreuungsquoten decken lässt, wird die Zukunft zeigen.

Die Schätzungen der Studie beruhen allerdings allein auf den demographischen Entwicklungen. Unberücksichtigt bleibt die mögliche Erreichung der von allen politischen Parteien bildungs- und gesellschaftspolitisch proklamierten Ziele, wie sie z.B. der Wissenschaftsrat vorgeschlagen hat. Zu ihnen zählen z.B. die deutlicheVerbesserung der Betreuungsrelationen auf ein international wettbewerbsfähiges Maß und die Steigerung der Studienanfängerquoten und –zahlen. Letztere sollte vom aktuellen Stand von 40% mindestens auf den OECD Durchschnitt von 56% ansteigen, um besonders Abiturienten aus bildungsfernen Schichten oder solchen mit Migrationshintergrund  den Hochschulzugang und damit den gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen. Auch die zunehmende Akademisierung der Ausbildung, besonders in technischen Berufen, bleibt unberücksichtigt.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Studie eher vorsichtige Prognosen gibt. Der sich ergebende Personal- und Stellenbedarf ist enorm. Die  in der Studie angedeuteten Lösungsmöglichkeiten wie z.B. die Schaffung echter Tenure-Track-Stellen, vermehrte Besetzung von W2-Professuren und gerechtere Verteilung der Unsicherheit im System bei gleichzeitig besserer Transparenz, Planbarkeit und Aufwertung der Lehre wurden bislang nicht konsequent umgesetzt und haben somit nicht zum dringend erforderlichen Strukturwandel geführt.

Zur Diskussion

Am 13. Januar diesen Jahres fand eine öffentliche Diskussion unserer AG FU-Mittelbau mit FU-Präsident Alt und FU-Kanzler Lange statt (wir berichteten hier, hier und hier). In diesem Gespräch haben wir u.a. unsere Vorschläge zu besserer Planbarkeit der Laufbahn, mehr Möglichkeiten zur Entfristung von Arbeitsverhältnissen nach Erreichen der Promotion und vermehrten Tenure-Track-Stellen bzw. W2-Professuren und damit Verbesserung der Attraktivität der universitären Lehre und Forschung als Arbeitsplatz deutlich gemacht.

Mehrfach wurde seitens des Präsidiums auf den Mangel an Finanzmitteln hingewiesen, der den notwendigen Strukturwandel erschwert. Dieser Mangel ist zunächst kein ureigenes FU-Problem und sollte als dringende Forderung nach mehr Finanzmitteln (im internationalen Vergleich sind Deutschlands Hochschulen bekanntermaßen unterfinanziert) von uns, aber auch vom FU-Präsidium in Richtung Politik getragen werden.

Als zusätzliches Argument gegen eine Entfristung nach der Promotion und gegen unbefristete W2- und Tenure-Track-Stellen wurde seitens des Präsidenten von einer “Verstopfung des akademischen Systems mit teuren, unbefristeten Angestellten” gesprochen, die neuen Nachwuchswissenschaftlern die Chancen auf eine Karriere im Hochschulwesen verbaue. Zugegeben, die Studie von Frau Dr. Gülker wurde erst 8 Tage nach unserem öffentlichen Gespräch veröffentlicht. Aber die Zahlen der Studie und ihre eher vorsichtigen Prognosen lassen die seitens des FU-Präsidiums postulierte „Systemverstopfung“ als ein Scheinproblem erscheinen. Vom Widerspruch dieser Aussage zur im (angelsächsischen) Ausland gängigen Praxis der frühen Entfristung ganz zu schweigen. Die Studie ist somit nicht nur „Wasser auf die Mühlen des Templiner Manifests“ (Andreas Keller im Vorwort), sondern auch auf die unseren.

Die proklamierte „Verstopfung des Systems“ entpuppt sich als Legende  und die Hochschulen, auch die FU, täten gut daran, die Zeichen der Zeit zu erkennen und am Strukturwandel der Hochschulen mitzuwirken, solange es proaktiv geht. Muss erst angesichts erdrückender demographischer Entwicklung hektisch reagiert werden, bleibt kaum Zeit für Reflexion, um die Situation der deutschen Hochschulen nachhaltig zu verbessern. Und wer weiß schon, wo bis dahin die große Masse an gut ausgebildeten, deutschen Akademikern gelandet ist? Vielfach im Ausland, wie wir kürzlich lasen. Sie später aufgrund akuten Bedarfs nach Deutschland zurück zu locken, dürfte deutlich teurer werden, als jetzt nachhaltig und konsequent die sinnvollen Schritte zu planen und zu gehen, wie sie die aktuelle Studie, der Wissenschaftsrat und nicht zuletzt wir mehrfach vorgeschlagen haben.

Es bleibt abschließend allen Beteiligten zu wünschen, dass sich das Postulat der Studie “Hochschule ist anders“ (S.8) im Sinne einer „organisierten Anarchie“ (S. 9) doch möglichst bald in die Richtung einer nachhaltigen Struktur verändern wird.

Quellen und Links:

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Trackbacks/Pingbacks

  1. FES-Veranstaltung: “Karriere ohne Ende?!” | FU-Mittelbau - 17.06.2011.

    […] Bulmahn und Silke Gülker vom WZB, deren Studie zum Personalbedarf deutscher Hochschulen wir hier vorstellten. Nach einer Diskussion der Verhältnisse an deutschen Hochschulen (Stichworte: befristete […]

  2. Doktor Arbeitsamt | FU-Mittelbau - 19.06.2011.

    […] wir bereits anderswo diskutiert haben, nimmt diese Situation derzeit zu. Im internationalen Vergleich ist Deutschland […]

  3. Die Zukunft des Mittelbaus: Zweite Diskussion mit Präsident Alt und Kanzler Lange | FU-Mittelbau - 30.06.2011.

    […] nur in der Lehre, vgl. auch hier) und nicht zuletzt unsichere Zukunftsperspektiven (vgl. u.a. hier und hier). Diese drei Themen wollen wir auch in der Diskussion […]

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