Die Lizenz zum Befristen: Über Hamsterradlogiken und Motivation

Nur 17% aller wissenschaftlichen Mitarbeiter haben in Deutschland unbefristete Verträge.

2009 waren 83% aller wissenschaftlichen MitarbeiterInnen befristet angestelt. 53% aller Zeitverträge an Hochschulen hatten eine Laufzeit von unter einem Jahr, nur 11% von mindestens 2 Jahren. In keinem anderen Sektor ist es Arbeitgebern möglich, Befristungen in solch einem Maßstab ohne sachlichen Grund vorzunehmen. Warum das möglich ist, wozu dies führt und wie Deutschland dabei im internationalen Vergleich da steht, davon handelt dieser Beitrag.

Normalerweise müssen Arbeitgeber einen triftigen, sachlichen Grund haben, wenn sie Arbeitnehmer befristet anstellen möchten. Für den Beruf Wissenschaft gilt das nicht. Von diesen Möglichkeiten machen die Hochschulen regen Gebrauch, wie die Zahlen oben eindrucksvoll belegen. In den letzten Jahren hat sich die Situation noch deutlich verschlechtert: Das Verhältnis von befristet zu unbefristet Beschäftigten verschlechterte sich von 4:1 vor fünf Jahren zu 7:1 heute. Bei den Drittmittelbeschäftigten sind sogar 97% aller Verträge befristet (alle Zahlen aus der unten diskutierten HIS-Studie und von der GEW).

Der internationale Vergleich

Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland damit eine Sonderstellung ein, wie die folgende Grafik zeigt. Auch wenn partielle Vergleiche mit anderen Systemen oft schwierig sind, können hier zwei Dinge abgelesen werden: In Frankreich, Großbritanien und den USA ist zum einen ein wesentlich geringerer Teil der Wissenschaftler befristet beschäftigt. Zum anderen erreichen „Nachwuchswissenschaftler“ früher eine Position, in der sie selbständig forschen können und nicht mehr abhängig von einer/m ProfessorIn sind.

Befristung im internationalen Vergleich

Befristung im internationalen Vergleich (Quelle: Reinhard Kreckel)

Sicherheit erst mit Mitte 40

Eines der Grundprobleme des deutschen Systems ist, dass Wissenschaftler erst sehr spät eine dauerhafte Perspektive bekommen. Bis eine der wenigen Professuren erreicht ist heißt es eine lange Phase mit vielen prekären Abschnitten aus befristeten Verträgen, nicht sozialversicherten Stipendien und/oder Arbeitslosigkeit durchzustehen. In diese Zeit fällt in der Regel auch die Phase der Familiengründung – was die Prekarität oft noch erhöht.

Darstellung des regulären Arbeits‐ und Qualifikationsmusters im Berufsfeld Wissenschaft

Darstellung des regulären Arbeits‐ und Qualifikationsmusters im Berufsfeld Wissenschaft (Grafik von Christina Peters und Niklaas Hofmann)

Hamsterradlogik – oder: Prekarität als Voraussetzung für Exzellenz?

Von einigen ProfessorInnen und HochschulpolitikerInnen wird dieses System damit gerechtfertigt, dass durch den Konkurrenzkampf und die Angst um die Möglichkeiten des eigenen beruflichen Fortkommens innovative Forschung befördert werde. Unbefristete Verträge würden zu einer „Verstopfung“ der Laufbahnen und zum Verlust des Anreizes zu exzellenter Forschung führen. Auch bei unserem Gespräch im Januar benutzten Teile des FU-Präsidiums diese Argumentationslogik. Merkwürdig nur, dass genau diese Personen nach ihrer Berufung als ProfessorInnen – also als Beamte auf Lebenszeit (!) – exzellente Forschung leisten, die anderen nur unter prekären Bedingungen zugetraut wird. Es muss irgendetwas mit der Weihe zum/r ProfessorIn zu tun haben, ein mystisches Element, welches wir wohl einfach nicht erkennen können…

Auch „ökonomisch“ ergibt eine solche ausgeprägte Befristungspraxis keinen Sinn. Kein Unternehmen würde es sich leisten, ihre Mitarbeiter einzuarbeiten, in die Firma zu integrieren, sie zu qualifizieren und ihnen (im Idealfall) Weiterbildungen anzubieten, nur um sie dann im Jahrestakt vor die Tür zu setzen. Auch in der Uni ist klar, dass eine ständige Personalrotation zu Lasten der Kontinuität und Qualität wissenschaftlicher Arbeit in Lehre und Forschung gehen muss.

Die gesetzlichen Grundlagen: Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG)

Grundlage für die verbreitete Befristung  ist das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG), welches 2007 in Kraft trat. Im Kern besagt es, dass Wissenschaftler vor und nach der Promotion jeweils maximal 6 Jahre „sachgrundlos“ befristet beschäftigt werden dürfen (in der Medizin 9 Jahre). Bei überwiegend aus Drittmitteln finanzierten Projekten ist die Befristung unbegrenzt möglich. Zum WissZeitVG gehört auch eine Tarifsperre, d.h., die Tarifpartner (Gewerkschaften und Arbeitgeber) dürfen keine abweichenden Regeln vereinbaren. Dies ist sehr ungewöhnlich, da diese Regeln den Kern der Arbeitsbedingungen betreffen, die i.d.R. Gegenstand von Tarifverhandlungen sind.

Allerdings schreibt das WissZeitVG die Nutzung der Befristungen nicht vor, sondern ermöglicht nur diese Praxis. Die Unis können jederzeit problemlos unbefristete Stellen schaffen, auch aus Drittmitteln.

2008 hat das zuständige Bundesministerium (BMBF) die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) beauftragt, das Gesetz zu evaluieren. Kürzlich ist der Auftragsbericht erschienen. Ministerin Schavan und die HIS kommen zu dem Fazit, dass WissZeitVG habe sich „grundsätzlich bewährt“ (gemeinsame Pressemitteilung). Allerdings bezieht sich dieses Urteil zunächst auf die „Rechtssicherheit sowohl für die Hochschulen und Forschungsinstitute als auch für die befristet beschäftigten Wissenschaftler“. Bei einer solchen positiven Einschätzung macht sich doch bemerkbar, dass dem für die Studie eingerichteten Beraterkreis „ausschließlich Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitgeber und Forschungsförderer – Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – angehörten. Gewerkschaften, Betriebs- und Personalräte sowie Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte“ blieben außen vor, so auch die Kritik von der GEW.

Die Perspektiven für Veränderung

Auch wenn die einzelnen Hochschulen durchaus Handlungsspielraum haben (sie können schon jetzt unbefristete Verträge abschließen, auch drittmittelfinanzierte), wird es ohne neue Vorgaben auf der landes- und bundespolitischen Ebene keine großen Veränderungen geben. Hier ist das Templiner Manifest (hier unterzeichnen) ein wichtiges Instrument, die Interessen der “Nachwuchswissenschaftler” zu artikulieren. Die Punkte 2 („Postdocs verlässliche Perspektiven geben“), 3 („Daueraufgaben mit Dauerstellen erfüllen“) und  Ziffer 4 („Prekäre durch reguläre Beschäftigung ersetzen“) können als direkte Folgerung aus den Ergebnissen der WissZeitVG-Evaluierung gelesen werden.

Auf dem 2. Follow-up-Kongress zum Templiner Manifest wird die HIS-Studie mit deren Projektleiter besprochen und zusammen mit Abgeordneten der Bundestagsfraktionen über die angekündigten Konsequenzen diskutiert. Der Kongress findet am 26. Mai 2011 in Berlin statt (Programm und Anmeldung).

Ein paar Links

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9 Responses to Die Lizenz zum Befristen: Über Hamsterradlogiken und Motivation

  1. Eva Lahnsteiner 02.05.2011. at 12:36 #

    Die Zahlen sind wirklich alamierend, besonders weil es hier einmal in Beschäftigten – also Personen – und nicht in Stellen dargestellt wird. Denn unbefristete Wimi haben wohl eher volle Stellen, wodurch das “gesunde Verhältnis”, dass bei unserer Diskussion vom Kanzler beschworen wurde, zustande kommen mag.
    Es wäre ürigens spannend, die aktuellen Zahlen der FU zu sehen, ich vermute die Entwicklung ging noch weiter Richtung Befristung.

  2. Christof Mauersberger 20.06.2011. at 22:58 #

    Mittlerweile fand die im Artikel erwähnte 2. Follo-Up-Konferenz zum Templiner Manifest statt. Die Zusammenfassung der Konferenz, inkl. der Beiträge der wissenschaftspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen findet sich online bei der GEW

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